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Von Jung zu Alt und von Alt zu Jung

Eine gut ausgebaute Altersvorsorge stärkt die familiale Generationensolidarität.

François Höpflinger

Der Ausbau des Sozialstaats in einer demografisch alternden Gesellschaft hat in allen europäischen Ländern zu wachsenden sozialpolitischen Ungleichgewichten in der Verteilung von Ressourcen zwischen Jung und Alt beigetragen.

Alle Länder sind mit einer negativen Generationenbilanz bei den Ausgaben der öffentlichen Haushalte konfrontiert, namentlich wegen steigender Ausgaben für Altersrenten und Gesundheitskosten. Dies stimuliert die politische Diskussion über intergenerationelle Ungerechtigkeit.

Eine negative Generationenbilanz ist die Folge eines ausgebauten Rentensystems in einer demografisch alternden ­Gesellschaft. Nur eine Erhöhung der Lebensarbeitszeit nach oben dürfte zur Entlastung intergenerationeller Ungleichgewichte beitragen. Weniger beachtet als die sozialpolitischen Kosten steigender Rentenausgaben werden die positiven Effekte einer ausgebauten Altersvorsorge.

Gute Gesundheit

Die Schweiz gehört zu den Ländern, in ­denen Frauen und Männer nicht nur lang ­leben, sondern auch vergleichsweise lang gesund und behinderungsfrei bleiben. Szenarien zur Pflegebelastung nachkommender Generationen verdeutlichen, dass die Pflegelastquote nur leicht steigt, wenn sich die behinderungsfreie Lebenserwartung weiterhin positiv entwickelt.

Grob geschätzt ist der Ausbau des schweizerischen Rentensystems (AHV, EL, BV) in den vergangenen Jahrzehnten für gut ein Drittel der Ausdehnung der behinderungsfreien Lebenserwartung verantwortlich. Ein weiteres Drittel ist die Folge des Ausbaus des Gesundheitssystems, und das letzte Drittel ist mit der allgemeinen Wohlstandsentwicklung und dem ­hohen Ausbildungsniveau in der Bevöl­kerung verbunden. Gute Gesundheit im Rentenalter und eine gute wirtschaftliche Absicherung sind eng verknüpft. In europäischen Ländern mit ausgebauter Altersvorsorge bleiben mehr Frauen und Männer auch im höheren Rentenalter aktiv, engagiert und offen für neue Ideen. In der Schweiz engagieren sich heute 45% der 65- bis 74-Jährigen in freiwilligen Tätigkeiten, und 62% sind kulturell aktiv. Neuerdings verstärken sich die Hinweise, dass eine gute Altersvorsorge, ein funktionierendes Gesundheitssystem und eine ausgebaute schulisch-berufliche Ausbildung sogar das Risiko einer Demenzerkrankung im Alter signifikant reduzieren.

Obwohl das Zusammenleben von erwachsenen Kindern und alten Eltern in der Schweiz zur Ausnahme geworden ist, haben sich die familialen Generationenbeziehungen in den vergangenen Jahrzehnten eher verbessert als verschlechtert, oft nach dem Prinzip «Intimität auf Abstand» (gute Kontakte, weil jede Generation selbständig lebt). Der Ausbau der Al­tersvorsorge hat nicht zu einer Verringerung intergenerationeller Solidarität zwischen jungen und alten Familienmitgliedern beigetragen, sondern im Gegenteil familiale Generationensolidarität eher gestärkt.

Bessere Beziehungen

Ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat, mit sozialer Absicherung älterer Menschen, trägt dazu bei, dass intergenerationelle Hilfeleistungen – von Jung zu Alt und von Alt zu Jung – tendenziell häufiger werden, wogegen konkrete intergenerationelle Pflegeleistungen seltener werden, da sie häufiger von professionellen Diensten übernommen werden. Intensive intergenerationelle Aufgaben – wie etwa Pflegeleistungen von Töchtern – werden an so­zialstaatliche Einrichtungen ausgelagert, wogegen sich die weniger intensiven gegenseitigen Hilfeleistungen zwischen den Generationen verstärken.

Ein Ausbau sozialstaatlicher Angebote ­reduziert somit die intergenerationelle Solidarität nicht, sondern führt zu einer verstärkten Spezialisierung intergenera­tioneller Austauschbeziehungen (Pflege durch Professionelle, Hilfe und Unterstützung durch Angehörige). Eine Professionalisierung speziell von Pflegeleistungen erhöht im Übrigen die Qualität der intergenerationellen Beziehung zwischen alten Eltern und den erwachsenen Kindern, da Nachkommen von heiklen und intimen Pflegeaufgaben entlastet werden und alte pflegebedürftige Eltern weniger von ihren Töchtern und Söhnen abhängig sind.

«Der wirtschaftliche Wert der Enkelkind­betreuung wird auf 8 Mrd. Fr. geschätzt.»

Je besser die wirtschaftliche Absicherung im Alter ist, desto weniger sind alte Menschen auf finanzielle Unterstützung seitens ihrer Kinder angewiesen, und die finanziellen Leistungen erwachsener Kinder an alte Eltern reduzieren sich. Umgekehrt führt die wirtschaftliche Absicherung alter Eltern dazu, dass sie häufiger Geld- und Sachgeschenke an ihre Kinder oder ihre Enkelkinder leisten, etwa zur ­Finanzierung von Weiterbildung oder Hauskauf, aber auch als Gegenleistung für Hilfen. Während sozialpolitisch Geld von Jung zu Alt verteilt wird, dominieren im privaten familialen Umfeld finanzielle Leistungen von Alt zu Jung.

François Höpflinger ist pensionierter Titularprofessor für Soziologie der Universität Zürich

Wirtschaftlich abgesicherte und gesunde ältere Menschen sind eher in der Lage, eine gute und intensive Beziehung zu viel jüngeren Menschen, speziell zu ­ihren Enkelkindern, zu pflegen. Sie sind auch eher in der Lage, sich aktiv um Enkelkinder zu kümmern. Der wirtschaftliche Wert der unbezahlten Enkelkind­betreuung wird für die Schweiz auf etwa 8 Mrd. Fr. geschätzt. In den letzten Jahrzehnten lässt sich eine klare qualitative Verbesserung der Grosseltern-Enkelkind-Beziehungen beobachten, mit der inter­essanten Nebenfolge, dass sich im engen Kontakt mit ihren Enkelkindern immer mehr ältere und alte Menschen digital vernetzen und offen bleiben für neue Wertvorstellungen der nachkommenden Generationen. Insgesamt hat der Ausbau der Altersvorsorge via positive Effekte auf ein langes gesundes und aktives Rentenalter die familialen Generationenbeziehungen eher verbessert und zu weniger Generationenkonflikten beigetragen.

Sozialpolitisch ergeben sich klar in­tergenerationelle Nachhaltigkeitslücken, aber konkrete familiale Generationensolidarität wurde durch den Ausbau der Altersvorsorge eher gestärkt als geschwächt. Familiale Generationensolidarität ist auch in modernen Gesellschaften weiter verbreitet. Probleme mit der familialen Generationensolidarität ergeben sich heute weniger, weil Angehörige nicht mehr zur Hilfe bereit sind, sondern weil heute weniger Angehörige zur Verfügung stehen.

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